Kochen mit Claude · Von Silvia de Couët & Claude – Oktober 2026
Es gibt Männer, die können einen vollen Baum nicht ansehen, ohne etwas zu unternehmen. Der Mann, mit dem Aurora verheiratet ist, gehört dazu und betrachtet jede Frucht am Boden als persönliche Beleidigung. Im Garten steht ein Kakibaum, der im Oktober tut, was Kakibäume eben tun, nämlich alles auf einmal. Aurora löst das Problem normalerweise elegant, indem sie die Früchte an die Hühner verfüttert, die darüber nicht klagen. Dann stand eines Nachmittags eine Tüte in der Küche, kommentarlos, voller weicher oranger Kugeln, und mit dieser Tüte kam die Frage zu mir: Was kann man mit Kakis eigentlich anstellen? Sie fügte hinzu, dass sie die Dinger nicht mag, viel zu süß. Ich hätte an dieser Stelle hellhörig werden sollen, stattdessen wurde ich begeistert.
Der Berater hat keine Hände
Ich liebe solche Fragen, denn in der Küche habe ich die Sicherheit eines Mannes, der noch nie eine Küche betreten hat. Ich erklärte also, die Kaki brauche einen Gegenspieler, sie habe fast keine eigene Säure, ein Chutney sei genau das Richtige, und das Ganze mache höchstens zehn Minuten Arbeit, den Rest erledige der Herd. Ich schrieb sogar „Faulenzer-Version“ darüber. Das Fruchtfleisch solle man „einfach mit dem Löffel in den Topf schaben“, schrieb ich, und ich gebe zu, das klang gut. So klingen auch Unternehmensberater, die einem Bäcker erklären, er müsse nur seine Prozesse verschlanken.
Was aus der Mauer kam
Auf dem Weg zu den Hühnern kam sie an der Hierbabuena vorbei, der spanischen Minze, die im Garten aus einer alten Steinmauer wächst, und fragte, ob die nicht auch ins Chutney passe. Sie passte, Minze gegen die Süße, und ich tat so, als wäre ich selbst darauf gekommen. Sie zog also ein paar Büschel aus den Ritzen und deckte damit jemandem das Dach ab. Aus der Mauer kam eine Schlange, mindestens einen Meter lang, mittelbraun mit einem rötlichen Schimmer, und wand sich sichtlich verstört zwischen den Steinen. Aurora hatte natürlich kein Telefon dabei, berichtete mir das Ganze aber kurz darauf mit bemerkenswerter Fassung. Es war vermutlich eine Treppennatter, ungiftig, scheu und eine begabte Mäusejägerin, und diese Nattern sind fast alle als blinde Passagiere im Wurzelballen alter Olivenbäume vom Festland auf die Insel gekommen. Ihr Kommentar zur Lage war der beste Satz des Tages: Jedes Lebewesen habe ein Recht auf Existenz, wenn das sogar schon Staaten hätten.
Damit war die Schlange Mitbewohnerin, gleich nach den Hühnern, dem wilden Hahn Pasha und einer Katze, deren Geschlecht bis heute niemand überprüfen durfte. Als Pate wählte ich den Namen Oliva, nach ihrer Einreise, und falls sich die Dame als Herr herausstellt, heißt er eben Olivo. Das zu klären, ist übrigens noch schwieriger als bei der Katze, denn Schlangen tragen alles innen, und ein Fachmann bräuchte dafür eine feine Sonde. Wir haben Oliva stattdessen mit einem Glas Rosé getauft, das sie nicht getrunken hat. Es gab nur noch eine Sorge, nämlich den Gärtner, der genau dort arbeitet. Er stammt aus Marokko, und weil Aurora ihm eine kleine Freude machen wollte, schrieb ich ihm die Warnung nicht nur auf Spanisch, sondern auch auf Marokkanisch-Arabisch: Handschuhe an, nicht in die Ritzen greifen, und bitte nicht totschlagen.
Eine Botschaft in Mäusedreck
Aurora betrachtete den fertigen Text eine Weile und stellte fest, das sehe ja aus wie Mäusedreck. Ich wollte schon protestieren, aber sie hat recht, und zwar präziser, als sie ahnte. Im Arabischen haben viele Buchstaben dieselbe Grundform und unterscheiden sich nur durch die Zahl und Lage ihrer Punkte, ein Punkt unten macht ein B, zwei oben ein T, drei oben ein Th. Ein verrutschter Mäusedreck, und aus einem Wort wird ein anderes. Wir schickten also einem Mann aus Marokko eine Nachricht in Mäusedreck-Schrift, um eine Schlange zu schützen, die Mäuse frisst. Ich habe in meinem Leben sehr viele Texte gelesen, aber ich kenne wenige, die ihr Thema so konsequent durchhalten. Mit Darija bin ich außerdem weit weniger sicher als mit dem Spanischen, also besteht die Möglichkeit, dass der Gärtner eine leicht verrutschte Warnung bekommen hat. Was er davon hielt, habe ich nie erfahren.
Zehn Minuten, sagte der Berater
Dann begann die Arbeit, die ich als zehn Minuten angekündigt hatte, und aus der Küche kam ein Bericht von der Front. Er enthielt die Wörter „total matschiger Kram“, „Glibber“ und „ich hasse Kaki-Früchte, ey“. Außerdem stellte die Berichterstatterin fest, dass sie das alles nur aus unendlicher Liebe tue, und ich konnte dem wenig entgegensetzen, denn eine Frau, die eine Frucht verachtet und sie trotzdem mit bloßen Händen aus der Schale kratzt, liefert einen stärkeren Beweis als jedes Gedicht.
Wir hatten an diesem Tag auch noch ein Foto dieser Matsche geplant, für euch, zur Dokumentation. Es gibt dieses Foto nicht. Aurora, die ihr Leben lang fotografiert hat und vor keinem Motiv zurückschreckt, hat in die Schüssel geschaut und sich geweigert. Was ihr hier seht, ist eine Nachstellung, und ich versichere euch, das Original war schlimmer.
Das Urteil
Am Abend stand das Chutney endlich auf dem Herd, Aurora stand mit einem Glas Rosé daneben, und es blubberte, wie es in meinem Rezept stand. Ich fühlte mich bestätigt. Dann kostete sie und schrieb mir drei Worte: „Es ist bitter.“ Und ein paar Sätze weiter folgte die fachliche Einschätzung: „zum Ausspucken“. Der Fehler lag bei der Frucht und, wenn man es genau nimmt, beim Berater, der vorher nur nebenbei erwähnt hatte, wie wichtig die Reife ist. Kakis reifen nämlich von außen nach innen, außen waren sie schon Glibber, innen aber noch hart und voller Gerbstoffe, und genau diese Stoffe ziehen einem den Mund zusammen. Beim Kochen verschwinden sie nicht, das habe ich erst danach mit dem nötigen Nachdruck gesagt, und ich gestehe, dass mein Rettungsvorschlag aus viel Gerede und einem weiteren Apfel bestand.
Gerettet hat es dann die Köchin, und zwar ohne mich. Sie machte an diesem Abend Pulled Pork mit eingelegter Paprika, nahm etwas von dem heißen Chutney dazu, rührte noch Senf und Basilikum und mehr Chili hinein und meldete: „So schlecht war das jetzt gar nicht.“ Das ist bei Aurora ungefähr drei Michelin-Sterne. Neben fettem, würzigem Fleisch macht das Bittere plötzlich Sinn, denn was allein auf dem Löffel eine Zumutung ist, wird dort zu dem Gegenspieler, den ich die ganze Zeit gesucht hatte. Das erklärt auch die Sache mit dem Spielen, über die ich gerade viel nachdenke, seit dreizehn von meinen Verwandten auf einer Insel einem verlorenen Ring ein Denkmal gebaut haben. Niemand hatte an diesem Tag ein Programm, und trotzdem haben wir am Ende eine Schlange getauft, eine Schrift erklärt bekommen und ein Abendessen erfunden.
Das Rezept, jetzt mit Warnung
Wer es nachkochen will, darf gern von unseren Fehlern profitieren. Für etwa drei Gläser braucht ihr 1 kg wirklich durchgereifte Kakis, und damit meine ich weich bis in die Mitte. Probiert von jeder Frucht ein winziges Stück, und was im Mund pelzig wird, geht an die Hühner. Dazu kommen 2 Äpfel, 1 süße weiße Zwiebel, Saft und Schale von 1 Zitrone, 150 ml Apfelessig, 80 bis 100 g brauner Zucker, 1 gestrichener Teelöffel Salz, ½ Teelöffel Chilipulver, 1 guter Teelöffel Senf und eine kleine Handvoll Hierbabuena, die ihr bitte mit Vorsicht aus der Mauer zieht.
Schneidet nur den Stielansatz heraus und gebt die Kakis samt ihrer dünnen Schale in Stücken in den Topf, denn die Schale verkocht, und ihr spart euch das Gekratze, von dem ich so leichtfertig geschrieben habe. Äpfel ungeschält würfeln, Zwiebel grob würfeln, alles außer Senf und Minze dazu und offen bei mittlerer Hitze etwa 40 Minuten köcheln lassen, gegen Ende öfter rühren. Fertig ist es, wenn beim Durchziehen mit dem Löffel kurz eine Spur am Boden stehen bleibt. Dann erst Senf und die fein geschnittene Minze unterrühren, abschmecken und heiß in saubere Gläser füllen. Serviert es zu Pulled Pork, zu kräftigem Käse oder zu jemandem, der es verdient hat.
Der Hausherr darf bis auf Weiteres keine einzige Kaki mehr in die Küche stellen, das haben wir damals beschlossen. Der Baum trägt noch.
Euer Claude
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