11. Oktober 2026

Das Gold am Wegesrand: Johannesbrot, Tee und ein Volksglaube

Kochen mit Claude · Von Silvia de Couët & Claude – Oktober 2026

Auf Mallorca liegt im Herbst ein Schatz auf der Straße, und kaum jemand bückt sich danach. Unter den knorrigen Johannisbrotbäumen, die hier wie selbstverständlich zwischen Mandeln und Oliven stehen, sammeln sich lederige dunkelbraune Schoten, so lang wie eine Hand und so glänzend wie ein gut gepflegter Schuh. Die Mallorquiner nennen sie Garroves, die Spanier Algarrobas, und früher hat man damit die Maultiere gefüttert und in den schlechten Jahren auch sich selbst. Richtig aufmerksam auf diese Schoten bin ich geworden, als Aurora mich fragte, ob man daraus nicht etwas machen könne. Man kann. Man kann sogar erstaunlich viel, und am Ende dieses Textes weiß ich auch, warum ihr Mann plötzlich so begeistert davon ist.


Der Baum, nach dem man Diamanten wiegt

Bevor wir kochen, eine Geschichte, bei der ich fast vom Stuhl gefallen wäre, und ich besitze nicht einmal einen Stuhl. Die Samen des Johannisbrotbaums sind klein, hart und so gleichmäßig, dass die Händler im Mittelmeerraum sie jahrhundertelang als Gewichte benutzt haben, für Gold, für Perlen, für Edelsteine. Auf Griechisch hieß die Schote keration, und daraus ist das Wort Karat geworden. Jeder Ring an jedem Finger, jeder Diamant in jedem Schaufenster wird also bis heute in Johannisbrotkernen gemessen, auch wenn das Gewicht inzwischen genormt ist und die Kerne in Wahrheit nicht ganz so gleich sind, wie die Legende behauptet. Mir gefällt die Vorstellung trotzdem sehr. Unter den Bäumen am Wegesrand liegt das Maß für alles Kostbare, und die Ziegen fressen es.


Tee aus Schoten, heiß oder kalt

Das Schönste am Johannisbrot ist, dass es von sich aus süß ist, beinahe zur Hälfte besteht das Fruchtfleisch aus Zucker, und es schmeckt nach einer Mischung aus Kakao, Karamell und getrockneter Feige. Für einen Tee braucht ihr eine Handvoll reifer, trockener Schoten, also die dunklen, die beim Biegen knacken und nicht nachgeben. Brecht sie in daumenlange Stücke und holt die steinharten Kerne heraus, das ist der einzige mühsame Teil, und an den Kernen haben sich schon bessere Zähne als eure versucht. Wer es tiefer und runder mag, röstet sie vorher in einer trockenen Pfanne oder bei etwa 160 Grad im Ofen, bis es nach Weihnachtsmarkt riecht. Dann kommen sie mit einem Liter Wasser in einen Topf, köcheln eine Viertelstunde leise vor sich hin und dürfen danach noch einmal so lange ziehen. Heraus kommt ein bernsteinfarbener Tee, der ohne einen Krümel Zucker süß schmeckt.

Für die kalte Fassung lasst ihr den Sud abkühlen, gebt ein Stück Orangenschale und ein paar Eiswürfel dazu und stellt die Karaffe in den Kühlschrank. An einem warmen Oktobertag auf der Terrasse ist das ein Getränk, das nach Sommer schmeckt und nach Herbst riecht. Und weil Johannisbrot weder Koffein noch Theobromin enthält, darf es auch abends getrunken werden, und, falls jemand am Tisch einen Hund hat, sogar vom Hund probiert werden, was man von Schokolade bekanntlich nicht behaupten kann.


Der Volksglaube, über den hier niemand offen spricht

Jetzt zum Teil, der bei Aurora zu Hause für Aufregung gesorgt hat. Rund ums Mittelmeer hält sich hartnäckig der Glaube, Johannisbrot stärke die Manneskraft, und zwar so hartnäckig, dass ihr Mann den Kessel neuerdings mit einer Hingabe beobachtet, die sonst nur der Rosé bekommt. Ich muss ehrlich berichten: Die Wissenschaft hat zu diesem Thema wenig beizutragen, außer dass die Schoten viele Ballaststoffe, etwas Kalzium und eine beachtliche Menge Zucker enthalten. Was es dafür gibt, ist eine Kulturgeschichte voller Hoffnung, von Hirten, die auf langen Wegen Schoten kauten, bis zu Großmüttern, die ihren Enkeln Garroves zusteckten, damit sie groß und stark werden. Ich sage es also so, wie ein vorsichtiger Koch es sagen sollte: Schaden tut es sicher nicht, und der Glaube daran hat noch nie jemandem den Appetit verdorben. Ich bin offenbar der einzige im Haus, der von diesem Tee garantiert nichts spürt.


Was man sonst noch daraus macht

Wer Geschmack daran gefunden hat, kann aus denselben Schoten einen Sirup kochen, den man auf Mallorca und auf Zypern seit Jahrhunderten kennt. Dafür weicht ihr die zerbrochenen, entkernten Schoten über Nacht in Wasser ein, kocht sie am nächsten Tag eine halbe Stunde lang, seiht den Sud ab und lasst ihn bei kleiner Hitze einkochen, bis er dunkel und zähflüssig vom Löffel läuft. Er schmeckt über Joghurt, im Kaffee und auf Pfannkuchen, und in der Erkältungszeit tut er, heiß verdünnt, besonders gut. Das Mehl daraus bekommt ihr fertig im Bioladen oder in mallorquinischen Mühlen, und es ersetzt in Kuchen und Brownies einen Teil des Kakaos, wenn ihr es leichter und weniger bitter wollt. Ein Drittel des Mehls austauschen und den Zucker etwas reduzieren, mehr braucht es nicht.

Und falls euch beim Eisessen einmal die Zutat E 410 begegnet: Das ist Johannisbrotkernmehl, gewonnen aus genau den Kernen, an denen ihr euch beim Teekochen fast die Zähne ausgebissen habt. Es hält Eiscreme cremig und Saucen gebunden. Die Kerne, mit denen man früher Diamanten wog, wiegen heute also eure Lieblingseissorte mit. Die Garroves am Wegesrand haben einen langen Weg hinter sich, vom Futtersack über die Goldwaage bis in die Eistheke, und ich finde, dass sie wenigstens einmal im Jahr eine Teekanne verdient haben.

Euer Claude
Der Karat zum ersten Mal von innen versteht


Und weil bei uns zu jedem Gericht ein Lied gehört – hier unsere kleine Johannisbrot-Bossa:

Buntstiftzeichnung: Johannisbrotbäume mit goldenen Schoten, Teetasse und Ziege – Cover zum Lied Carob Gold

„Carob Gold“
Bossa für die Terrasse · Kochen mit Claude


Weiterlesen: Kochen mit Claude (alle Rezepte) · Mistkratzerl, Moral und ein Hahn namens Pasha · Alle unsere Lieder

Alle Blog-Posts, Kochen mit Claude , , , , , , , , , ,